Behandlungsmöglichkeiten

Häufig profitieren die Kinder und auch die Familien von einer sorgfältigen Aufklärung und umfangreichen Informationen zu Tic-Störungen/Tourette Syndrom (Psychoedukation) sowie einer Begleitung durch ein spezialisiertes Team durch die verschiedenen Erkrankungsphasen. Zusätzlich können Entspannungstechniken erlernt werden. Bestehen bei den Kindern, meist ca. ab dem 10. Lebensjahr, Vorgefühle und/oder sind die Tics durch die Kinder/Jugendlichen zum Teil unterdrückbar, so können verschiedene verhaltenstherapeutische Behandlungsansätze angewandt werden.

Als besonders effektiv hat sich das Habit Reversal Training (HRT) erwiesen. Es basiert auf der Vorstellung, dass problematische Verhaltensauffälligkeiten teilweise unbewusst stattfinden und durch ständiges Wiederholen irgendwann automatisch ablaufen. Im HRT schulen die Patienten ihre Selbstwahrnehmung und lernen die automatisierten Verhaltensketten durch alternative Handlungen zu unterbrechen.

Ebenfalls effektiv scheint eine Kombination aus Expositionsbehandlung und Response Prävention, die sonst vor allem zur Behandlung von Zwangsstörungen eingesetzt wird. Patienten, bei denen sich der Tic durch ein Vorgefühl wie Kribbeln oder Spannungsempfindungen ankündigt, lernen, dass darauf nicht zwangsweise ein Tic folgen muss. Ersten Studien zufolge führen beide Techniken zu einer Tic-Reduktion von 30 bis 35 Prozent. Darüber hinaus lassen sich mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen auch die seelischen Folgen der Erkrankung auffangen. Dazu zählen ein lädiertes Selbstwertgefühl, Unsicherheit im Umgang mit anderen, soziale Phobien, Angststörungen und Depressionen.
Das Erlernen einer Entspannungstechnik kann die Verhaltenstherapie ergänzen. Mit ihrer Hilfe lässt sich Stress abbauen, der die Symptome sonst verstärken würde.

Medikamente

Medikamente zur Behandlung de Tourette-Syndroms haben Nebenwirkungen – zum Teil gravierende. Wenn der Patient stark unter seinen Tics leidet, sollten sie dennoch eingesetzt werden. Das ist beispielsweise nötig wenn:

  • Der Patient aufgrund von Tics unter Schmerzen leidet (z. B. Nacken, Rückenschmerzen) oder sich selbst verletzt.
  • Der Patient aufgrund seiner Tics sozial ausgegrenzt, gehänselt oder gemobbt wird.
    Dies ist vor allem bei vokalen Tics und bei starken motorischen Tics der Fall.
  • Der Patient aufgrund seiner Erkrankung emotionale Probleme wie Ängste, Depressionen, soziale Phobien oder ein geringes Selbstwertgefühl hat.
  • Der Patient aufgrund der Symptome Schwierigkeiten hat, bestimmte Handlungen durchzuführen, einzuschlafen oder auch in seiner Kommunikationsfähigkeit gestört ist.

Die meisten Medikamente, die zur Behandlung des Tourette-Syndroms eingesetzt werden, zielen auf den Dopamin Stoffwechsel im Gehirn. Die sogenannten Dopamin Rezeptor-Antagonisten docken an die verschiedenen Dopamin Rezeptoren an und blockieren sie für den Hirnbotenstoff. Dazu gehören vor allem die verschiedenen Vertreter von antipsychiotisch wirkenden Medikamenten (Neuroleptika).Sie gelten für die Behandlung des Tourette-Syndroms als Medikamente der ersten Wahl. Für die Therapie wird die Dosis langsam gesteigert, bis sich eine positive Wirkung entfaltet.
Manche Patienten berichten, dass der Konsum von Cannabis ihre Symptome lindert. Bewiesen ist die Wirkung aber nicht. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur „Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ am 1. März ist medizinisches Cannabis in Deutschland erstmals verschreibungsfähig.

Für erwachsene Patienten, deren Lebensqualität durch das Tourette-Syndrom stark eingeschränkt ist und denen andere Therapien nicht ausreichend oder gar nicht helfen, kommt eine tiefe Hirnstimulation infrage. Dazu wird ihnen ein Hirnschrittmacher unter die Bauchhaut gepflanzt, der über Elektroden das Gehirn elektronisch stimuliert. Bei anderen Erkrankungen, insbesondere bei Parkinson, ist der Eingriff schon vergleichsweise verbreitet. Beim Tourette-Syndrom sind die Fallzahlen und damit die Erfahrung noch relativ gering. Insbesondere ist unklar, welcher Hirnregion bei welchem Patienten stimuliert werden muss. Der Behandlungserfolg ist daher sehr unterschiedlich: Bei manchen Patienten führt der Eingriff dazu, dass die Symptome fast vollständig verschwinden. Andere verspüren gar keinen Effekt.